|
|
 |
|
|
Sehnsüchtig, wunderbar, welthaltig und lebensprall. Das ist die alte Hiobs-Geschichte,
die uns der Schriftsteller Josef Roth im Jahre 1930 neu erzählt hat. Mit dem bekannten Schauspieler Urs Bihler als Mendel Singer erarbeitet die freie Gruppe «Statt-Theater» um den Baselbieter Regisseur Kaspar Geiger den «Hiob» für die Bühne des Roxy. In einer glasklaren Theaterfassung, die den poetischen Erzählstrom des Romans ohne Anstrengungen umleitet auf die Lippen von Theaterfiguren.
In einer wunderbaren Sprache leuchtet das Leben des jüdischen Dorfschullehrers Mendel Singer aus der untergegangenen Welt des ostjüdischen Schtetls fremd und klar zugleich in unsere Gegenwart hinüber. Der fromme Mendel erduldet ganz wie der jüdisch-christliche Hiob aus der Bibel einen Schicksalsschlag nach dem andern. Mendels geliebter Sohn, der behinderte Menuchim, wird nicht gesund. Doch hat nicht der Rabbi prophezeit, dass «der Schmerz ihn weise und die Krankheit stark» machen werde? Der Sohn Schemarjah fällt im ersten Weltkrieg, Jonas ist verschollen und Mendels Tochter Mirjam wird verrückt. Vor Kummer stirbt auch seine Frau Deborah. «Meine Liebe zieht den Fluch an wie ein einsamer Baum den Blitz.»
Wie werden Menschen mit Schicksalsschlägen fertig? Wird Mendel seinen starken Glauben aufgeben und Gott hassen? Warum muss gerade er all das erdulden? «Vielleicht weil nicht die Wärme der Liebe in uns war, sondern zwischen uns der Frost der Gewohnheit, starb alles rings um uns, verkümmerte alles und wurde verdorben», sagt er in Gedanken zu seiner verstorbenen Frau. Gibt es einen Sinn? Zieht er vielleicht still und erbarmungslos über uns hinweg wie die Wolken, die wir nicht deuten können?
Neben solchen überzeitlichen Themen ist Josef Roths Emigrationsge- schichte heute aber im Zusammenhang der Globalisierung wieder Realität für sehr viele Menschen. Wir begegnen Ihnen in Basel auf der Strasse, ohne ihre Leben und Leiden zu kennen. Abschied, Trennung, Einsamkeit in der Fremde. Konservatives Festhalten an den mitge- brachten Werten bei der Generation der Eltern; Optimismus und Unternehmergeist bei den Kindern. Experimentierfreudige Offenheit, die aber, wie bei Mendel Singers Tochter Mirjam, als schranken- und orientierungslose Selbstverwirklichung in der Konsumgesellschaft auch eine Gefahr sein kann. Denn bekanntlich sind die gesellschaftlichen und ökonomischen Kennzeichen des Josef Roth’schen «Amerika» zu Beginn des 20. Jahrhunderts längst in Europa und der Schweiz angekommen. Und so erzählt uns «Hiob» eben präzis und differenziert auch diese Geschichte der Entwurzelung und des Neubeginns, die in Erinnerung zu rufen gerade heute so wichtig ist.
Alles andere als niederschmetternd wird dieser «Hiob»-Theaterabend im Roxy wirken. Denn das tragische Schicksal der Familie verknüpft sich mit einem wunderbaren Erlösungs-Märchen, das in der dunkelsten Kälte einen ungeheuren Willen zum Glück offenbart, der zum Leuchten gebracht wird durch die poetische Gestaltung der Sprache. Wahrscheinlich macht das diese Geschichte so anziehend.
Vom Wunder etwas erschöpft, verabschiedet sich Mendel Singer: «Jetzt muss ich ausruhen, denn ich bin müde. Morgen gehen wir spazieren. Ich möchte die Welt begrüssen.»
Hannes Veraguth, Dramaturgie
|